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Es geht los

Nach einer kurzen und mit Umwegen versehenen Vorlaufphase öffnen wir unseren virtuellen Garten. In weniger als einer Woche beginnt der G20-Gipfel in Hamburg. Der Ausnahmezustand ist überall in der Stadt spürbar. Bereitschaftspolizisten und Security-Dienstleister drücken sich in den Straßen rund um die Messe herum. Sie vertändeln den Tag mit der Bewachung angeblich »gefährdeter Objekte«. Eine fiebrige Stimmung liegt über den angrenzenden Vierteln. Eine Mischung aus sehr angekotzt und ein wenig erwartungsfroh.

Mit einer unfassbaren Borniertheit hat sich Hamburg freiwillig ein Gipfeltreffen dieser Größenordnung zur Standortwerbung eingekauft. Inzwischen scheint man sich im Rathaus jedoch zusehends vor den Geistern zu fürchten, die man damit rief. Die Protestprognosen gleichen einem Überbietungswettbewerb. Hunderttausende knallbunte Demonstranten beabsichtigen durch einen 35 Quadratkilometer großen Hamburger Kessel zu »fließen« oder zu »flutschen«. Im aktionistischen Farbspektrum enthalten ist auch der intergalaktisch größte schwarze Block seit Beginn der Zeitrechnung.

Dementsprechend wappnet sich der Staat und entsichert den Besteckkasten seines Gewaltmonopols. Bei der Vorstellung des G20-Einsatzkonzeptes am 15.06. erklärte Einsatzleiter Hartmut Dudde, es werde sich »fast alles, was die deutsche Polizei hat« während der Gipfeltage in Hamburg befinden – ein Aufgebot von 20.000 PolizistInnen, 3000 Fahrzeugen, fast 200 Diensthunden, elf Hubschraubern und rund 50 Polizeipferden. Nicht das gesamte Personal soll zur Aufstandsbekämpfung im Einsatz sein. Zumindest den Vierbeinern wird die Aufgabe zuteil, den Normadressaten die Hand – pardon, die Hufe – zu reichen. Die Pferde seien laut Dudde »ein gutes Mittel, um mit dem Bürger zu kommunizieren.«

Urlaub auf dem Ponyhof erwartet niemand. Während Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz noch im April meinte, sicher zu sein, »dass die wenigsten Bürger Einschränkungen in ihrem Alltag erleben werden.«, ergreifen die Bürger uneingeschränkt die Flucht. Wer kann, ist weg. Irgendwo auf dem Land fernab vom offiziellen Gebrüll. Der Alltag ist hier ohnehin ausgesetzt. Die ersten Unternehmen spendieren Sonderurlaub oder dessen kaltgeschlagene Schwundform »Homeoffice«. Läden werden vernagelt, Kitas geschlossen und der Nahverkehr unterbrochen.

Wir melden uns nun auch noch zu Wort. Bereits in den letzten Wochen haben wir eine Reihe von Interviews mit AutorInnen und TheoretikerInnen aus Deutschland, Großbritannien und den USA zusammen getragen. Sie geben sehr unterschiedliche Antworten auf die immer gleichen Fragen, die uns seit einer ganzen Weile umtreiben. Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Die nächsten Tage verbringen wir mit kleinen Spaziergängen durch blaugrüne Zonen. Mit Gesprächen und Überlegungen, Filmen und Berichten, die auf dieser Webseite erscheinen werden. Was das Ganze soll und was wir uns dabei gedacht haben, kann man hier nachlesen.