Text

Der graue Block

Unser Autor hat in der G20-Protestwoche zunächst die »Lieber tanz ich als G20«-Demonstration besucht und darüber geschrieben. Wir veröffentlichen den Text auf Wunsch des Autors mit leichter zeitlicher Verzögerung.1

So stell ich es mir zumindest vor: nekrotisch und verschrumpelt. Mein Herz würde sich bestimmt gut auf einer Zigarettenschachtel machen. Warum bin ich nur so engherzig? Warum gönne ich den Leuten ihren Spaß nicht? Die sehen doch alle so glücklich aus. Jetzt balanciert eine Frau Mitte dreißig euphorisch auf den Leitplanken zwischen den Fahrbahnen der Reeperbahn. Huiiiih, denke ich genervt. Und könnt ihr bitte mal aufhören euch so dämlich aufzuführen? So furchtbar locker und unverkrampft. Heute ist Tanzdemo, also das, was die Neunziger zu dieser nostalgischen Zeitreise der untoten Protestkulturen in Hamburg beizutragen haben.

Und für mich und mein Schrumpelherz wird schon alles wieder eins: Fanfest, Schlagermove, Nachttanzdemo. Ich bekomme das gar nicht mehr auseinander. Mein Therapeut wird sagen, das läge an der Misanthropie, wegen Kindheit und so. Er würde das natürlich nicht so direkt sagen, aber sein tiefenentspannter Blick halt. Der spricht Bände. Das ist alles überhaupt nicht gesund, wird er sagen. Das solle ich mir mal mehr bewusst machen. Bewusst machen, was ja auch nur sowas meint wie: locker machen. Stell dich doch selbst mal auf so ‘ne Leitplanke. Spürst du das? Huiiiih.

Nein, werde ich dann sagen. Ich halte nichts und aber auch gar nichts von dem Gedanken, dass das Private politisch sei. Also nicht in dem Sinne öffentlicher Politik. Das müsste ich ihm natürlich dann alles wieder auseinander klabüstern, weil auch für ihn ja mittlerweile alles zusammengehört und zusammenhängt und das mit dem Sozialkundeunterricht halt schon so lange her ist. Naja, werde ich sagen, es ist doch nur so, dass die Öffentlichkeit, da wo sie eine politische ist oder sein will, sich doch viel mehr formalisieren müsste. Wenn sich mehrere Menschen zusammentun, weil sie Argumente und Forderungen zur Verhandlung bringen wollen, dann müssten sie die doch von sich selbst und ihren persönlichen und kulturellen Neigungen abstrahieren. Also weitestgehend, formal zumindest, weil, schon klar, die Körper lassen sich nun mal nicht völlig in Buchstaben auflösen. An der Stelle wird er sich wieder eine Notiz machen: »Körper«, »Buchstaben«, … Das weiß ich jetzt schon. Aber ich werd mich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Hören Sie, wenn sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen gegen kulturelle oder rechtliche Diskriminierung wehren, dann haben die natürlich allen Grund ihren Protest zu kulturalisieren. Nur sei das dann eben Kulturkampf oder eine Art von Lobbyismus, wobei ich erklärend einwerfen werde, dass Lobbyismus für mich eine durch und durch demokratische Praxis ist, also theoretisch usw. usf. Jedenfalls müsste man doch da, wo es dann ums Allgemeine geht, vom eigenen Milieu abstrahieren. Sonst sieht die allgemeine Forderung auch aus wie Lobbyismus. Das eigene Milieu ist doch kein Politikmodell. Jetzt wäre mir fast eine Ausrufezeichen raus gerutscht. Ich werde das besser als Frage formulieren: Wieso soll ich denn mein Milieu zelebrieren, wo es ums Allgemeine geht? Natürlich wird er, wenn ich ihn so frage, auf keinen Fall irgendwas antworten. Das ist ja das verflixte mit diesen Therapeuten, aber auch das weiß man ja schon vorher. Kann man sich drauf einstellen.

Ich werd’s halt noch mal auf der persönlichen Schiene probieren. Darum geht’s ihm ja schließlich und vor allem. Ich muss versuchen, dass es nicht allzu trotzig wirkt und sowas sagen wie: Ich will meine eigene Minderheit sein und als solche geschützt. Meine Identität besteht doch in Abgrenzung zu und nicht mit den Milieus durch die ich tapere, weil das sind für mich immer alles schon Vorstufen von Volk. Mein Hass aufs eigene Milieu ist ein antifaschistischer Schutzwall. Ich will nie und nimmer ein Ganzes werden mit der Welt. Auch im Sozialismus nicht – da doch erst recht nicht. Darum geht’s ihm doch schließlich! Ups, Ausrufezeichen. Man… es müsste halt alles viel formalisierter sein.

Mein Traum wäre eine Demo mit der Autorität einer Steuererklärung. Alle Teilnehmer sähen aus wie Vertreter. Stellvertreter eben. Also Konfirmationsanzug ausgraben, Businesskostüm ausleihen oder den bevorzugten Ausstatter plündern, mir egal. Jedenfalls stelle ich mir ein Heer von grauen Anzügen vor, die sich schweigend auf die Messehallen zubewegen. Und wehe jemand fängt an zu brüllen oder irgendwas Albernes zu skandieren. Bloß keine Gefühle. Kein Akzent. Keine Farbe. Und mein Therapeut wird sich ‘ne Notiz machen, worauf ich hastig ergänze: Also nicht hier, an dieser Stelle. Jeder soll natürlich auf Leitplanken balancieren wie er will. Unbedingt. Aber doch bitte nicht als Ausdruck oder Forderung einer irgendwie alternativen Politik. Sozialismus hieße doch auch nicht, dass wir alle plötzlich dauergrinsende Menschen werden, die auf der Straße tanzen und sich gegenseitig Wasser reichen, weil man sich ja um die Anderen kümmert, ganz peacig entspannt und so. Vielmehr zielt er doch auf, ja, rechtliche Formalisierungen, die die Freiheit des Einzelnen organisieren sollen. Also die echte Freiheit meine ich, nicht die aus dem Telekom-Spot. Und hintertreibt man nicht sogar gesellschaftliche Veränderungen dahingehend, wenn man die selbe vergiftete Befreiungsgeschichte erzählt, diese Sich-endlich-mal-wieder-fühlen-und-einer-von-80-Millionen-sein-Geschichte aus dem Telekom-Spot?

Genauso wie sie diese dämliche Aktion mit dem »1000 Gestalten« wieder aufgeführt hat. Das mit dem »dämlich« wird er mir übel nehmen – gibt ne Notiz. Aber es war doch wirklich genau die alte Leier: die von der schlimmen grauen Masse, zu der man uns knechtet. Und am Ende befreien sich alle selbst und gegenseitig und werden tanzende Menschen in bunten T-Shirts. Oder sind gleich ganz nackt, wie diese eine Frau, die sich zum Abschluss der Aktion auch noch der bunten Kleidung entledigte und tags drauf natürlich in allen Zeitungen als Instand-Ikone des bunten Protests herhalten musste. Die regt mich voll auf, diese nackte Frau. – Notiz! – Entschuldigung, aber es ist 2017 und der Kapitalismus hat uns alle längst zu bunten Zombies gemacht, die unbedingt glücklich werden wollen und einfach nicht mehr über sich und ihre tollen Kinder und ihre schönen Freunde und ihre blöden Gefühle hinauskommen, weil alles andere halt irgendwie zu langweilig ist oder man keine Zeit hat.

Nein, ich will um Gottes willen nicht noch mehr authentische Politiker. Nein, nicht die Politik muss endlich bunt werden, sondern der Protest politisch. Warum sehen Demonstranten nicht aus wie Politiker? So herum würde doch ein Schuh draus, denke ich und flüchte mich vom Demonstrationszug auf der Reeperbahn in den McDonalds. Das ist mein Safe-space, wo ich geschützt bin vorm eigenen Milieu, selbst wenn die gerade zu Tausenden die Straßen bevölkern. Das ist auch so abgesprochen mit meinem Therapeuten. Ich darf mir dann ne Junior-Tüte bestellen und mich über die Ehrlichkeit dieser Apfelmatsch-Beilage freuen, die sie in so ner Capri-Sonnen-artigen Verpackung dazu reichen. »Frucht-Qutasch« heißt die.

  1. Der Text entstand Mittwochnacht vergangener Woche im Anschluss an die erste »Hedonistische Nachttanzdemo« gegen die Politik der G20 in Hamburg. Nach den Ereignissen der darauf folgenden Tage und den unmittelbar anschließenden Medienkampagnen bat der Autor darum, den Text nicht während der Gipfeltage freizugeben. Zu seiner trotzigen Spontanversöhnung mit »bunten« Protesten und Stadtteilfolklore erklärt er sich in den nächsten Tagen in einem therapeutischen Roundtable mit Hannes Loichinger, Benjamin Sprick u.a. []