Interview

Hermann Ⅼ. Gremliza

Hermann Ⅼ. Gremliza veröffentlichte im letzten Jahr verbindliche »Haupt‑ und Nebensätze« bei Suhrkamp. Wir haben den Autor und Herausgeber des konkret-Magazins bei einem trockenen Martini zum Verhör geladen.

Anspruch der G20 ist es, die derzeitigen Probleme des Kapitalismus zu lösen. Mit ihm läuft es seit Jahren alles andere als rund. Die Wirtschaftskrise 2008 scheint sich zu einer Legitimitationskrise der gesamten ökonomischen und politischen Verhältnisse entwickelt zuhaben. Aber wo befindet sich der globale Kapitalismus heute?

Hermann Ⅼ. Gremliza: Es sei »Anspruch der G20, die derzeitigen Probleme des Kapitalismus zu lösen«? Das hab ich ja noch nie gehört. Die politische Führerin von Deutsch-Europa weigert sich sogar rundweg, das K-Wort auszusprechen. Anspruch der Zwanzig ist es, die Welt in ihren Griff zu kriegen bzw. sie in ihm zu behalten und alles, was sich dagegen wehrt, kaputtzumachen. Und wo es eine Krise der Legitimität gibt, müßte es eine Legitimität geben oder gegeben haben. Legitim heißt: berechtigt. Wer »berechtigt« eine Gesellschaftsordnung? Und wann wäre es mit dem Kapitalismus je »rund gelaufen«? 1848? 1870? 1914? 1933? 1968?

Solange das Reich des Bösen ihn gezwungen hat, sich als »Soziale Marktwirtschaft« oder »Freedom and Democracy« zu dekorieren, kam der Kapitalismus – wenn man mal von den vielen Millionen seiner Opfer absieht – so lala über die Runden. Seit er weltweit gesiegt hat, geht er jenem Ende entgegen, das Marx und Engels ihm vorhergesagt hatten, bevor sie sich untreu wurden und mit den von ihnen inspirierten Sozialdemokratien an seinem Krankenbett Platz nahmen, um ihn immer wieder aufzupäppeln.

Brexit, Trumps »America First« oder Orbans »illiberale Demokratie« in Ungarn: wie erklären Sie sich die Renaissance rechter und reaktionärer Bewegungen auf der ganzen Welt?

Das Kapital tut, was es kann, zu den geringsten Kosten. Und nichts beantwortet die soziale Frage billiger als Gewalt: der Polizeistaat – so demokratisch wie möglich, so faschistisch wie nötig. Den Grad der notwendigen Gewalt bestimmt der jeweilige Wert des einzigen seiner Werte, der wirklich zählt: der Mehrwert. Je knapper er ausfällt, desto heftiger muß zugeschlagen werden.

Der internationale reaktionäre Rollback wird oft unter dem Begriff des »Populismus« diskutiert. Uns erscheint dieser Begriff politisch unscharf und nichtssagend. Geht die Rede vom »Populismus« nicht über den eigentlichen politischen Gehalt dieser Phänomene hinweg? Oder trifft dieser Begriff seinen schwammigen Gegenstand, weil die alten Kategorien links/rechts nicht mehr passen?

»Populismus« ist ein Propagandawort, das die deutschen Medien und ihre Standup-Komödianten (die sogenannten »Parteienforscher«) popularisieren, um die Nazis nicht beim Namen nennen und damit dem Export schaden zu müssen. Auch wenn das meiste, was sich links oder gar »Die Linke« nennt, rechte Politik macht, bleibt der alte Gegensatz. Wenn ein Obdachloser, ein Behinderter, ein Homosexueller, ein Flüchtling totgetreten wird, glaubt auch der bornierteste Zivilgesellschaftlhuber keine Sekunde, daß die Täter Linke waren. Und daß kein Rechter ist, wer einem Deserteur Schutz vor der Klassenjustiz und ihren Bullen gewährt, weiß auch jeder. Für mehr Gewalt, Waffen, Soldaten, Polizei, Überwachung, weniger Rechte für Frauen, Schwule, Lesben, Ausländer, mehr Vaterland, Arbeitszeiten, Autos, Abgase, weniger Rente: das ist rechts. Von allem das Gegenteil: da geht’s nach links.

Ist die Linke schuld am aktuellen Rechtsruck, weil sie sich zu sehr um identitätspolitische und kulturelle Fragen und zu wenig um die materiellen Probleme der Lohnabhängigen und Prekarisierten gekümmert hat?

Die Linke, die seit Jahrzehnten nichts zu sagen hat, ist natürlich trotzdem schuld am Antisemitismus, am Rassismus, an Frauke Petry, Thomas de Maizière, Christian Lindner, Beate Zschäpe, Xavier Naidoo, Uli Hoeneß, Carmen Nebel, zwei Weltkriegen. Und an Auschwitz sowieso.

Didier Eribon hat kürzlich in einem Interview mit der »Zeit« bemerkt, dass die Rhetorik der linken spanischen Partei Podemos genau die gleiche sei wie die des rechten Front National. Sarah Wagenknecht glänzt ja auch mit entsprechenden Statements. Stimmt es, dass aktuell viele Linke im Abschied vom Universalismus und der Beschwörung von Volk und Vaterland ein Rezept gegen rechte Erfolge sehen? Wohin führt diese Strategie?

»Populismus«, um das blöde Wort noch einmal zu benutzen, spekuliert auf die vorherrschenden völkischen Instinkte. Das heißt: Es gibt keinen »Linkspopulismus», Populismus ist per se rechts. Es gibt auch keinen linken Antisemitismus, Rassismus und so weiter. Es gibt Populisten, Antisemiten, Rassisten und so weiter, die meinen, sie seien Linke. Es gibt sogar eine Springer-Linke (bestehend aus Leuten, die, was sie selbst heute sind, noch vor dreißig Jahren faschistisch genannt hätten). Die Linke der Aufklärung ist eine sehr kleine Minderheit, die mit diesen Mitläufern nichts gemein hat.

Der G20-Gipfel 2017 in Hamburg hat eine breite Gegenmobilisierung hervorgerufen. Es scheint, als sei die gesamte deutsche Linke in Aktionismus verfallen, der sich in Inhalt und Form nicht von anderen Gipfelprotesten (Heiligendamm 2007, Prag 2002, Genua und Göteborg 2001) unterscheidet. Ist das nach den Ereignissen 2016 noch zeitgemäß? Oder sollte man einen Moment innehalten, um die Wirklichkeit und Möglichkeiten linker Praxis selbstkritisch zu reflektieren?

Was macht eine Linke, die diesen Namen verdient, in rechten Zeiten? Sie kritisiert die herrschenden Verhältnisse, sucht Mitdenkerinnen und Mitdenker. Und wo immer sich ihr die Gelegenheit bietet, wirft sie eine Schippe Sand ins Getriebe, stellt einem staatstragenden Staatsträger ein Bein. Wer mehr will, gleicht dem Denker Wallraff, der eine »linke ‚Bild‘-Zeitung« machen wollte, als bliebe nicht linker Dreck immer auch nur Dreck.

Die geplanten Proteste treffen in Hamburg oft auf den Einwand, es sei in Zeiten zunehmender Abschottung doch begrüßenswert, dass Staats‑ und Regierungschefs noch miteinander reden. Andere bemängeln an den Gipfelprotesten, dass sie sich unnötigerweise auf eine symbolische Herrschaftsveranstaltung konzentrieren würden. Ob diese nun reibungslos durchgeführt oder ihr Ablauf gestört wird, ändere nichts an den Verhältnissen. Teilen Sie diese Kritik?

Auch verbeulte Polizisten ändern nichts. Und doch sind sie ein allen Göttern gefälligerer Anblick als die unverbeulten, die vor Jahren zu sechzig Prozent den von Springer als »Richter Gnadenlos« gepuschten Fascho Schill gewählt haben und im September die neuen Nazis wählen werden.

Wo steht die Linke 150 Jahre nach Erscheinen des Kapitals und 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?

Entweder mit dem Arsch an der Heizung, wie jede rechte Dumpfbacke. Oder ganz am Anfang. Jede Form von Sozialdemokratie und Realpolitik ist historisch blamiert. Was als halber Schritt in die richtige Richtung galt und gilt, war und ist immer der ganze in die falsche.